Nur 20 Minuten vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt liegt eine Landschaft, die so gar nicht zur Vorstellung einer Grossstadt passen will: Endlose Felder, jahrhundertealte Fachwerkhaeuser, schmale Deiche und stille Fleethe. Die Vier- und Marschlande im Suedosten Hamburgs sind Europas groesstes zusammenhaengendes Blumen- und Gemuese-Anbaugebiet — und eines der schoensten Radreviere der Region.
Das Revier im Ueberblick
Steckbrief
Rundtour: ca. 35–45 km (je nach Route)
Schwierigkeit: Leicht — topfeben, meist asphaltiert
Dauer: 2,5–4 Stunden
Geeignet fuer: Familien, Genussradler, E-Bikes
Beste Jahreszeit: Mai bis September
Start/Ziel: S-Bahn Bergedorf (S21) oder Faehre Zollenspieker
Warum die Vier- und Marschlande?
Die meisten Hamburger kennen die Vier- und Marschlande nur als den Ort, wo ihr Gemuese herkommt. Tatsaechlich wird hier seit dem 16. Jahrhundert intensiv Landwirtschaft betrieben — Blumen, Gemuese, Kraeuter und Erdbeeren. Doch die Region ist viel mehr als Acker und Gewaechshaus.
Das Gebiet besteht aus vier historischen Kirchspielen (Curslack, Neuengamme, Altengamme und Kirchwerder) sowie den Marschlanden am Elbufer. Durchzogen von Fleeth-Kanaelen, Entwasserungsgraeben und kleinen Fluessen, erinnert die Landschaft an die Niederlande. Und genau wie dort ist sie fuer Radfahrer ein Paradies: topfeben, kaum Autoverkehr und ein dichtes Netz aus asphaltierten Wirtschaftswegen.
Unsere Lieblingsroute: Die grosse Vierlande-Runde
Start in Bergedorf (km 0)
Wir starten am S-Bahnhof Bergedorf und fahren suedwaerts Richtung Curslack. Schon nach wenigen Minuten laesst man die Stadt hinter sich. Der erste Abschnitt fuehrt entlang des Schleusengraben, eines kanalisierten Gewassers, das frueher die Verbindung zwischen Bergedorf und der Elbe darstellte. Rechts und links reihen sich Gewaechshaeuser aneinander — besonders im Fruehling, wenn die Tuersteher-Tulpen in allen Farben bluehen, ist dieser Anblick betoeread.
Curslack und die Riepenburger Muehle (km 5–10)
In Curslack lohnt sich ein Stopp an der St.-Johannis-Kirche, einer der aeltesten Backsteinkirchen der Region aus dem 13. Jahrhundert. Der Friedhof mit seinen schmiedeeisernen Grabkreuzen erzaehlt Geschichten von Bauernfamilien, die hier seit Generationen leben.
Weiter suedlich erreicht man Riepenburg mit seiner historischen Windmuehle. Die hollaendische Galerie-Muehle aus dem Jahr 1828 ist liebevoll restauriert und kann an bestimmten Tagen besichtigt werden. Von hier aus hat man bei klarer Sicht einen weiten Blick ueber die flache Marschlandschaft bis zu den Tuermen der Hamburger Innenstadt.
Die Stille ist das Erste, was auffaellt. Kein Autolaerm, kein Flugzeugdroehnen — nur Wind, Vogelgesang und das leise Plätschern der Fleete. Man glaubt kaum, noch in Hamburg zu sein.
Neuengamme (km 10–18)
Der Abschnitt durch Neuengamme fuehrt entlang schmaler Deichwege mit Blick auf die weiten Felder. Hier wird deutlich, warum diese Gegend als „Garten Hamburgs“ bezeichnet wird: Reihe um Reihe stehen Erdbeerpflanzen, Kohlkoepfe und Blumenstauden auf den fruchtbaren Marschboeden.
Ein wichtiger historischer Ort in Neuengamme ist die KZ-Gedenkstaette. Das ehemalige Konzentrationslager wurde nach dem Krieg lange als Gefaengnis genutzt und erst 2005 vollstaendig zur Gedenkstaette umgewandelt. Der Besuch ist kostenlos und eindringlich. Wir empfehlen, dafuer mindestens eine Stunde einzuplanen.
Kirchwerder und der Elbdeich (km 18–30)
Kirchwerder ist mit ueber 30 Quadratkilometern der flaechenmaessig groesste Stadtteil Hamburgs — und einer der am duennsten besiedelten. Hier fahren wir auf den Elbdeich und folgen ihm Richtung Westen. Zur Rechten die breite Elbe mit ihren Containerschiffen, zur Linken das flache Marschland. An windstillen Tagen spiegelt sich der Himmel in den Fleeten, und die Landschaft wirkt wie ein niederlaendisches Gemaelde.
In Zollenspieker erreichen wir den suedlichsten Punkt der Tour. Hier gibt es eine historische Elbfaehre nach Hoopte (Niedersachsen) und das Zollenspieker Faehrhaus, ein traditionsreiches Ausflugslokal mit Terrasse direkt am Wasser. Perfekt fuer eine ausfuehrliche Mittagspause.
Rueckweg ueber Altengamme (km 30–42)
Den Rueckweg nehmen wir ueber Altengamme, das vielleicht schoenste der vier Kirchspiele. Die Dorfstrasse ist gesaeumt von praechtigem Fachwerk aus dem 17. und 18. Jahrhundert — die sogenannten Hufnerhaeuser mit ihren charakteristischen Giebelverzierungen. Einige dieser Haeuser sind bewohnt, andere beherbergen Hoflaeden, in denen man regionales Gemuese, Marmelade und Blumen kaufen kann.
Ueber Billwerder geht es zurueck nach Bergedorf. Der letzte Abschnitt fuehrt durch den Boberger Niederung, ein Naturschutzgebiet mit Binnenduenen, Mooren und einer ueberraschend vielfaeltigen Flora. Wer hier im Juni unterwegs ist, kann mit etwas Glueck wilde Orchideen entdecken.
Praktische Tipps
- Anreise: S21 bis Bergedorf (30 Min. ab Hbf). Alternativ Bus 321, 327, 330 in verschiedene Ortsteile.
- Verpflegung: Zollenspieker Faehrhaus (gehoben), Cafe Vierlanden in Curslack (Kuchen!), diverse Hoflaeden mit Selbstbedienung. Trinkwasser und Snacks fuer die Deichabschnitte einpacken.
- Wind: Die offene Landschaft ist windanfaellig. Bei Gegenwind kann die Tour anstrengender sein als erwartet. Suedwest- und Westwind sind am haeufigsten.
- Saison: Mai (Erdbeeren, Blumen) und September (Ernte, goldenes Licht) sind unsere Lieblingsmonate. Im Winter koennen Deichwege vereist sein.
- Komoot-Sammlung: Wir haben drei Routenvarianten (kurz/mittel/lang) als Komoot-Touren veroeffentlicht. Links folgen in Kuerze.
Unser Fazit
Die Vier- und Marschlande sind der Geheimtipp unter Hamburgs Radrouten. Waehrend sich am Alsterlauf und am Elbufer die Sonntagsradler draengeln, hat man hier die Wege oft fuer sich allein. Die Kombination aus Geschichte, Landwirtschaft, Naturerlebnis und norddeutscher Weite ist einzigartig — und das alles nur eine halbe Stunde vom Hauptbahnhof entfernt. Fuer uns eine der besten Radtouren, die Hamburg zu bieten hat.